Andree Hohm

Zentrale Fragen und Expertenantworten: Andree Hohm (l.) und Björn Filzek.

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Die automobile Zukunft (2. Teil): Zentrale Probleme angehen

Im zweiten Teil unseres Tech Talks sprechen die Continental-Experten Andree Hohm und Björn Filzek die zentralen Fragen an: Wie können wir sicherstellen, dass automatisierte Autos sicher fahren? Werden die Menschen bereit sein, diesen Fahrzeugen ihr Leben anzuvertrauen?

Beschäftigen wir uns nun mit den kniffligen Fragen. Wie gewährleisten Sie, dass ein automatisiertes Fahrzeug zuverlässig unterwegs ist? Schließlich kann Elektronik auch einmal ausfallen...

Filzek: Das stimmt, stellt aber keine neue Herausforderung dar. Es stehen bewährte und erprobte Verfahren für die Gestaltung einer ausfallsicheren Elektronik zur Verfügung, zum Beispiel elektronische Bremssysteme, bei denen kritische Fehler selbstverständlich ganz und gar ausgeschlossen werden müssen. Um dies sicherzustellen, kommen ausgeklügelte Entwicklungsverfahren zum Einsatz. Es wird umfangreich getestet und es erfolgen umfassende Überwachungsmaßnahmen. Wir müssen diese nun maßgeschneidert an die neuen Anwendungsfälle anpassen.

Wie können Sie bei einer Fehlfunktion oder anderen Gefahren gewährleisten, dass automatisierte Fahrzeuge sicher unterwegs sind?

Filzek: Diese Problemstellung muss man in drei Schritten angehen. Zunächst einmal müssen wir Möglichkeiten finden, das Risiko von Fehlfunktionen zu minimieren. Niemand wird diese jedoch zu 100 % ausschließen können. Damit kommen wir zum zweiten Schritt: Sollte doch einmal eine Fehlfunktion auftreten, so selten dies auch geschehen mag, müssen wir gewährleisten, dass diese vom System unmittelbar erkannt und entsprechende Schutzmaßnahmen eingeleitet werden. Im dritten Szenario geht es um Gefahren durch Dritte, wenn etwa ein anderer Fahrer einen Fehler macht oder plötzlich ein Reh vor dem Fahrzeug auftaucht. In diesen Fällen wird das Fahrzeug zumeist dank der Sensoren und der Vernetzung rechtzeitig gewarnt. Die Anzahl der Unfälle durch Spurwechsel werden zurückgehen, wenn ein Fahrzeug dem anderen mitteilen kann: „Vorsicht, ich wechsle gleich die Spur!“ In den seltenen Fällen, in denen ein Aufprall unausweichlich ist, steht außerdem noch das ganze Spektrum passiver Sicherheitsmaßnahmen zur Verfügung, u. a. die Airbags. Mit diesem mehrstufigen Ansatz wird die sichere Fahrt automatisierter Fahrzeuge auf jeden Fall gewährleistet sein!

Welche Technologie steckt hinter diesen Sicherheitsmaßnahmen?

Filzek: Ein einfaches, aber sehr wirksames Prinzip ist die Redundanz. Fällt ein Sensor aus, steht ein zweiter Sensor für die Aufgaben dieses Sensors bereit. Dieses Prinzip wird mit High-End-Überwachungsmechanismen kombiniert. Dabei stehen sensible Punkte im System unter konstanter Überwachung, damit Fehlfunktionen unmittelbar erkannt werden.

„WIR WERDEN LÖSUNGEN FÜR ALLE DIESE SZENARIEN HABEN.“

Was genau macht ein automatisiertes Fahrzeug, wenn es eine unmittelbar bevorstehende Sicherheitsbedrohung erkennt?

Filzek: Unverzüglich in einen sicheren Betriebszustand gehen. Wie das Manöver dann im Einzelnen aussieht, hängt von der Verkehrssituation ab, in der sich das Fahrzeug befindet. Bei einem Stau wird das Fahrzeug wohl einfach anhalten. Ist das Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs, muss es eventuell auf den Seitenstreifen gelangen, selbst wenn es sich auf der linken Spur befindet. Gibt es keinen Seitenstreifen, wird das Fahrzeug das erkennen und seine Fahrt entsprechend fortführen. Wir verfolgen dabei einen stufenförmigen Ansatz, bei dem wir individuelle Lösungen für die einzelnen Szenarien finden müssen.

Wie groß ist die Gefahr von Internetangriffen?

Hohm: Auch hierbei handelt es sich nicht um neue Bedrohungen. Letztes Jahr machte ein prominenter Fall Schlagzeilen, bei dem ein erfolgreicher Hacker-Angriff auf ein Fahrzeug stattfand, das nicht einmal vollständig automatisiert war. Klar ist, je stärker ein Gerät vernetzt ist, desto mehr potenzielle Angriffspunkte gibt es. Gleichzeitig erreichen jedoch die entwickelten Gegenmaßnahmen eine beispiellose Wirksamkeit, unter anderem in Form von neuen Verschlüsselungsstufen und Firewalls. Schauen Sie sich einmal an, wo bereits vernetzte Systeme in besonders heiklen Bereichen eingesetzt werden. Denken Sie an den Luftverkehr oder die Militärtechnik und wie schwerwiegend ein Hacker-Angriff hier ausfallen würde. Dennoch haben Ingenieure diese Systeme mit Erfolg ausreichend sicher gestaltet. Dasselbe wird auch für das automatisierte Fahren gelten.

Welche Meinung haben die Verbraucher hierzu? Sind sie vom automatisierten Fahren begeistert oder betrachten sie es eher voller Sorge?

Hohm: Nach unseren Untersuchungen ist die Begeisterung für diese Technologie recht groß. Die Menschen sehen die Vorteile. Gleichzeitig bestehen jedoch diffuse Bedenken bezüglich der gerade angesprochenen Problematiken. Diese Kluft müssen wir überbrücken. Die Fahrt in einem automatisierten Pkw muss so alltäglich wie das Reisen in der Eisenbahn werden: Man macht sich gar keine Gedanken über die Schienen, auf denen der Zug fährt, oder über das, was in der Lokomotive geschieht, weil das Transportsystem Ihnen und sozusagen der gesamten Gesellschaft bewiesen hat, dass es vertrauenswürdig ist.

„TRANSPARENZ IST DIE LÖSUNG“

Wie lässt sich das erreichen? Wie schafft man es, dass die Menschen das automatisierte Fahrzeug als nützliches Transportmittel und nicht als Feind betrachten?

Hohm: Zunächst einmal ist es ganz gut, dass das automatisierte Fahren nicht von heute auf morgen Wirklichkeit sein wird. Die Menschen werden sich langsam an eine stetig zunehmende Automatisierung gewöhnen. Auf diese Weise entsteht Vertrauen.

Fordern Transparenz: Andree Hohm (l.) und Björn Filzek. © 2025AD.com

Sehen Sie die Gefahr, dass selbst kleinere Automatisierungsschritte zu Irritationen beim Fahrer führen?

Hohm: Nein, da es hier eine klare Lösung gibt, nämlich Transparenz. Ich habe zwar den Vergleich zum Fahren in einem Zug gezogen, jedoch wird sich das nicht über Nacht umsetzen lassen. Man kann den Fahrer heute nicht einfach von allem abkoppeln, was um ihn herum geschieht. Solange das Konzept des automatisierten Fahrens noch neu ist und die Fahrer sich daran gewöhnen, ist absolute Transparenz in Bezug auf die Vorgänge erforderlich, die vom Fahrzeug ausgeführt werden und worauf es seine Entscheidungen gründet. Die Entwicklung einer Mensch-Maschine-Schnittstelle, die diese Art der Transparenz auf intuitive Weise ermöglicht, stellt eine faszinierende technologische Herausforderung dar.

Werden Smartphones als Inspiration für Fahrzeugschnittstellen dienen? Sie sind bereits sehr benutzerfreundlich…

Hohm: Daran arbeitet eine ganze Community großer Köpfe aus Wissenschaft und Industrie, die sich gegenseitig mit neuen Ideen befruchten. Unsere Experten sind Teil dieser Community. Derzeit untersuchen wir eine Vielzahl von Lösungen und Inspirationsquellen, auch aus dem Bereich Consumer Electronics.

Wie wird die Bedienung der Benutzeroberfläche meines Fahrzeugs zukünftig aussehen? Werde ich mit meinem Auto sprechen? Kann ich es mit Gesten steuern? Ist hier bereits eine Tendenz zu erkennen?

Hohm: Noch nicht. Wir arbeiten im Moment daran, den Fahrzeugherstellern eine vollständige Toolbox möglicher Funktionen zu unterbreiten. Am Ende obliegt den Herstellern die Entscheidung für die ideale Konfiguration ihrer Fahrzeuge auf der Basis der von uns vorgestellten Lösungen.

Wird die Definition eines gemeinsamen Standards schwierig sein? Es könnte etwas verwirrend werden, wenn jedes Auto eine andere Schnittstelle besitzt…

Filzek: Alle Schnittstellen werden zu einer Art natürlichem Optimum konvergieren, davon bin ich überzeugt. Denken Sie nur einmal an das Smartphone: Anfangs war die Wischfunktion auf Touchscreen-Displays etwas völlig Neues und noch nie Dagewesenes. Jetzt ist die Funktion auf beinahe allen Telefonen verfügbar. Dasselbe wird auch bei den Autos geschehen.

Wird es also einheitlich gestaltete automatisierte Fahrzeuge geben?

Hohm: Es wird eine Standardisierung der Grundlagen erfolgen, das heißt, wenn Sie ein Auto in New York fahren können, dann wird das auch mit einem Mietauto, beispielsweise in Bangladesch, möglich sein. Für individuelle Lösungen wird jedoch auch genügend Raum bleiben.

Filzek: Die Fahrzeughersteller werden das Aussehen und Verhalten von Signalen und Bedienelementen weiterhin nach ihren Wünschen gestalten können. Es wird zudem Lösungen geben, mit denen die Schnittstellen maßgeschneidert an die Anforderungen einzelner Kunden angepasst werden können, um ein ideales Benutzererlebnis zu schaffen – ganz unabhängig vom Standort des Fahrers.

Im dritten und letzten Teil unseres Tech Talks richten die beiden Experten einen dringenden Appell an die Regierungen.

Sie finden das Originalinterview auf der Website 2025AD.com . 
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